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Abwendbare mörderische Kosten
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Letzter Ausweg Suizid
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Fenster zum Sonntag "Letzter Ausweg Suizid" Video (450 kbps)

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Beobachter 24/03     Text: Urs von Tobel  Nachricht an
Urs von Tobel

Selbsttötungen und Suizidversuche verursachen in der Schweiz jedes Jahr Kosten von rund 2,4 Milliarden Franken. Prävention könnte Abhilfe schaffen - doch es fehlt an Angeboten.

Von anderen jungen Frauen unterscheidet sich Franziska Odermatt (Name geändert) kaum. Ausser dass die 23-jährige Aargauerin stets einen Zettel mit handschriftlichen Notizen auf sich trägt: «Telefonieren», «Duschen», «Tagebuch schreiben», «Ortswechsel», «Wieso? (schriftlich beantworten)».

«Diese Checkliste hilft mir, plötzlich aufkommende Selbsttötungsgedanken zu überwinden», erklärt Odermatt. Sie leidet am so genannten Borderline-Syndrom - einer Persönlichkeitsstörung, die sich in selbstzerstörerischem Verhalten äussern kann. «Ich befolge die Checkliste immer sofort. Warte ich zu lange, bin ich plötzlich auf der Einbahnstrasse zum Suizid.» Die junge Frau hat bereits sechs Selbsttötungsversuche unternommen. Dass sie heute über eine Überlebensstrategie verfügt, ist dem Zufall zu verdanken. Sie lernte eine Krankenschwester mit denselben Problemen kennen - und fand dank ihrer Vermittlung eine Therapeutin.

Auch die rund 40 Jahre ältere Ostschweizerin Petra Schwarz (Name geändert) hat nur dank einem Zufall überlebt. Anlass für ihren Suizidversuch war eine schwere Lebenskrise: Nach der Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann suchte sie Trost im Alkohol und vereinsamte mit der Zeit immer mehr.

Die Konsultationen bei einem Psychiater waren ein Flop. «Er blätterte in anderen Akten, als ich ihm meine Lebensgeschichte erzählte», sagt Schwarz. Sie hortete die Medikamente, die er ihr verschrieben hatte, nahm sie eines Abends mit Unmengen Alkohol alle auf einmal ein und versuchte, sich unter einen Sattelschlepper zu stürzen. Ein Passant hielt sie im letzten Augenblick zurück.

Dann lernte sie Cécile Federer kennen, die Leiterin der Dargebotenen Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein. Von ihr erhielt sie Hilfe beim Aufarbeiten ihrer Probleme. «Heute funktionieren meine Überlebensstrategien auch in schlechten Zeiten», sagt sie.

Vielen anderen Betroffenen fehlen solche Strategien. Rund 1'400 Menschen in der Schweiz bringen sich jedes Jahr um - zwei Drittel davon sind Männer. Frauen hingegen begehen drei- bis viermal so viele Suizidversuche wie Männer. Die Schätzungen zur jährlichen Gesamtzahl der Selbsttötungsversuche schwanken zwischen 20'000 und 67'000. In rund 500 Fällen pro Jahr führt das Scheitern des Selbsttötungsversuchs zu lebenslanger Invalidität. Die Kosten dafür belaufen sich auf zwei Milliarden Franken pro Jahr.

Schilder an «Selbstmörderbrücken»
Viel menschliches Leid und hohe Folgekosten könnten durch präventive Massnahmen vermieden werden. Doch obwohl in der Schweiz viel mehr Menschen durch die eigene Hand als etwa an Aids sterben, mangelt es an Hilfsangeboten. Psychiatrische Kliniken, Kriseninterventionszentren, Psychologen und viele Pfarrer bieten sich zwar als Anlaufstelle für Gefährdete an - sie werden aber erst aktiv, wenn sich die Betroffenen bei ihnen melden. Hier sei auch das soziale Umfeld gefordert, sagt der Psychiater Christoph Lauber vom Kriseninterventionszentrum Zürich. «Ein Laie kann viel bewirken, wenn er zuhört. Er überfordert sich aber, wenn er die Hilfe selber leisten will.» Vielmehr gelte es, den Gefährdeten zu überzeugen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Dargebotene Hand Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein hat erste zaghafte Schritte unternommen, Gefährdete direkt anzusprechen, indem sie bei bekannten «Selbstmörderbrücken» - etwa bei der Fürstenlandbrücke in St. Gallen oder bei der Brücke bei Stein AR - Hinweistafeln anbrachte, um auf ihr Hilfsangebot aufmerksam zu machen. «Grundsätzlich erfolgt unsere Beratung anonym», sagt Cécile Federer. Ruft jedoch ein akut Gefährdeter an (Telefonnummer 143), versuchen Federer und ihr Team, ihn zu überzeugen, dass er seinen Standort angibt, damit sie vor Ort mit ihm sprechen können.

Jetzt will die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) die Prophylaxe auf eine breitere Basis stellen. Am 2. Dezember treffen sich Vertreter von 15 Organisationen, um eine Trägerschaft für eine wirksame Prävention zu gründen. Ziel sei es, «Suizid in unserer Gesellschaft zu verstehen und zu vermeiden», schreibt Barbara Weil von der FMH im «Suchtmagazin». Dabei soll vor allem in die Forschung investiert werden, denn die Zahlen und Fakten zum Phänomen Selbsttötung sind bislang rudimentär und die Ursachen für Suizidgefährdung nur teilweise bekannt.

Die grösste Risikogruppe sind Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden. «In deutlich mehr als der Hälfte aller Suizide werden in der Vorgeschichte Depressionen nachgewiesen», erklärt der Basler Psychiater Martin Eichhorn. Bei einem Fünftel aller Selbsttötungen sei Alkoholabhängigkeit im Spiel, bei zehn Prozent liege eine Schizophrenie vor.

Neben psychischen Krankheiten sind oft akute Lebenskrisen Auslöser von Suizidgedanken. Betroffen von solchen Ausnahmezuständen sind Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen - wobei die 40- bis 60-Jährigen an der Spitze stehen.

Barbara Weil rechnet für das FMH-Programm im ersten Jahr mit Kosten von mindestens 350'000 Franken. «Das Projekt steht und fällt mit der Finanzierung. Obwohl der Verein seine Arbeit so weit wie möglich mit Spenden und privaten Beiträgen zu finanzieren versucht, ist auch die öffentliche Hand angesprochen.»
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